Der von Dr. Stephan Dreyer und Prof. Dr. Wolfgang Schulz für das Schweizer Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) verfasste Bericht untersucht den Einfluss von KI und Informationsintermediären auf die öffentliche Meinungsbildung. Im Fokus stehen Risiken wie Intransparenz sowie die Notwendigkeit von Regulierung, Algorithmen-Transparenz und Anbieter-Verantwortung.
Zusammenfassung
- Intermediäre und enger noch Informationsintermediäre wie Suchmaschinen, soziale Netzwerke, Foto und Video-Sharing-Plattformen sowie Microblogging-Angebote, sind relativ neue Akteure in der
öffentlichen Kommunikation, die durch Verfahren algorithmischer Selektion Einfluss darauf nehmen, welche Inhalte und Informationen jeder Einzelne von uns wahrnimmt. - Angesichts ihrer technischen Stellung zwischen Inhalteanbietern und Nutzerinnen und Nutzern, ihrer Orientierungs- und Navigationsfunktion sowie aufgrund starker Netzwerkeffekte und vertikaler Integration werden Informationsintermediären hohe Einflusspotenziale in Bezug auf die individuelle Meinungsbildung und die Konstruktion von Öffentlichkeit zugeschrieben. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf Potenziale bei der Zuweisung von Relevanz bzw. die Priorisierung bestimmter Themen, die Vermittlung von Informationen über gesellschaftlich relevante Themen und die Repräsentation von Meinungen und Haltungen zu einem bestimmten Thema.
- Bei der Angebotserbringung eingesetzte Verfahren der künstlichen Intelligenz, insbesondere Arten des maschinellen Lernens, weisen dabei spezifische Risikopotenziale mit Blick auf kaskadenartige Verstärkungseffekte, auf begrenzte Einsehbarkeit und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und technische Grenzen der Rechtsoperationalisierung auf.
- Repräsentative Nutzungsbefragungen in der Schweiz zeigen eine hohe Relevanz von Informationsintermediären im Nutzeralltag auf. Zusammengenommen informieren sich 43 % der Schweizerinnen und Schweizer in erster Linie online. Bei der Nachrichtennutzung zeigt sich, dass intermediäre Angebote bei insgesamt 41 % der Gesamtbevölkerung bereits eine Rolle bei der Vermittlung des Zugangs zu Nachrichten gespielt haben.
- Direkte Effekte algorithmischer Selektion auf die Meinungsbildung sind bislang nur in geringem Maße beobachtbar: Für breite Teile der Bevölkerung gibt es bislang kaum Hinweise auf eine strukturelle Vielfaltsverengung durch die Nutzung von Informationsintermediären. Insbesondere konnten Theorien, die Filterblasen vorhersagen, nicht empirisch nachgewiesen werden. Vielmehr mehren sich die Hinweise darauf, dass es durch die Nutzung von Intermediären insbesondere durch Sharing im Bekanntenkreis zu einem vielfältigeren Kontakt mit Inhalten kommt. Der Grad der Personalisierung bei Suchmaschinen erscheint zudem relativ gering; vor allem Ort und Sprache sind Variablen, die auf individuelle Suchergebnisse durchschlagen.
- Es gibt Hinweise auf bestehende Echokammern bei kleinen Bevölkerungsgruppen, insbesondere solchen, die politisch wenig interessiert sind und sich aus wenigen Quellen informieren. Vielfaltsverengungen sind hier aber nicht Folge algorithmischer Selektion, sondern durch Handlungen des bewussten Ausschlusses unerwünschter Sichtweisen durch die Nutzerin bzw. den Nutzer entstanden.
- Regulatorische Handlungsoptionen müssen die ermöglichenden mit den beschränkenden Potenziale von Informationsintermediären abwägen. Informationsintermediäre entziehen sich hier klassischen Governancesystemen, da sie in mehrfacher Hinsicht „hybrid“ sind: Unter einer Marke können sehr unterschiedliche, hochmodulare Angebote unterbreitet werden, die Angebote können gänzlich unterschiedliche Informationsbedürfnisse erfüllen und wählen aus unterschiedlichen Informationen und Inhalten aus, die nur zu einem Teil publizistische Relevanz aufweisen.
- Klassische Ansätze der Mediengovernance stoßen an Übertragbarkeitsgrenzen. Der Bericht schlägt hier neben allgemeineren Handlungsoptionen (Ansprechbarkeit, Transparenz, algorithmenevaluierende Begleitung) vor allem differenzierende Regulierungsansätze vor, bei denen jeweils eine Analyse und Spezifikation des Problems erfolgt, das adressiert werden soll.
Dreyer, S.; Schulz, W. (2019): Künstliche Intelligenz, Intermediäre und Öffentlichkeit. Bericht an das BAKOM (Link).